Montag, Oktober 03, 2016

Und dann schlägt ein Edeka-Filialleiter einen Ladendieb tot

Ja, die Menschen werden immer nervöser. Irgendetwas liegt hier in der Luft, was ihr Verhalten brutalisiert und mit negativer Energie sättigt. Aber alles, was sie eigentlich wollen ist satt sein. Das ist dieses abstrakte Gefühl, dass einem nichts mehr fehlt. Das man so ist, wie man sich haben wollte. In triebloser Gelassenheit. Und die Menschen wollen satt in allen Bereichen sein. Obenrum im Kopf, wo die beste Frisur aller Zeiten die schönsten Gedanken bedeckt, dann natürlich im Magen, wo sich Essen, Getränke und Befindlichkeiten tummeln und etwas tiefer im Genitalbereich. Der Edeka hat 24 Stunden am Tag geöffnet. Wenn dir ein Snickers, Shampoo oder Schnaps zum einschlafen fehlt, kannst du jederzeit hineingleiten in den Markt der unbegrenzten Möglichkeiten. Hier wirst du, egal zu welcher Tageszeit, angelächelt, als wäre die Welt ein guter Ort. Die Tiefkühltruhe summt ein Lied, darin schlafen Tiefkühlpizzen, mit denen du eine schamlose Gemütlichkeit herzustellen imstande bist.  

Überall ist diese Wut zugegen. Geht nicht mehr weg, diese Wut. Zorngereift schreiben Leute dann Blogs voll und jammern uns die Ohren voll und die Hirne leer, was hier alles nicht stimmt und die Liste wird täglich länger und die Klagen werden täglich lauter.

Und dann schlägt ein Edekafilialleiter einen Ladendieb tot

Niemand kann sich mehr entscheiden. Weder für Produkte, noch für Menschen oder für Einstellungen. Ich habe nachgezählt: In diesem Supermarkt gibt es 137 Sorten Schokolade, exklusive der saisonal drappierten Schokoladenweihnachtsmänner. Immer wieder werden Schokoladensorten vermischt, bis es bald für jeden hier die individuelle Selbstverwirklichungsschokolade gibt. Zartbittersalzmandelchillihimbeer. Quarkölhimalajasalzfeigemettwurst. Wie die Schokolade, so entwickelt sich auch der Mensch, der sie kauft. Alle wollen alles sein und alles theoretisch haben wollen können. Und dabei ihre Würde bewahren. Für manche ist das mit der Würde einfacher, für andere ist das unmöglich geworden. Und überall vermischen sich dann die Lebensstile und du hörst Leute sagen: "Wir sind ja Vegetarier, aber Fische essen wir, weil die 1. dumm und schmerzunempfindlich sind und 2. proteinreich." Oder sie sagen: "Wir sind total gegen Nazis, aber der bekennende AFD-Wähler Marco ist schon in Ordnung, weil er 1. uns einmal beim Umzug geholfen hat und er 2. als Heilerziehungspfleger in der Psychiatrie arbeitet." So schlimm kann das alles gar nicht sein. Jeder hat seine Gründe, das gehört zur Freiheit dazu.

Je mehr Internet um uns herum ist, desto zerbrechlicher erscheint die Welt. Stimmen werden laut und erwahren Widerhall, die früher nur in der eigenen Wohnung lediglich dem Lieblingsposter von Helmut Kohl etwas erzählt haben.

Und dann schlägt ein Edeka-Filialleiter einen Ladendieb tot

Wir haben uns alle massiv selbst verwirklicht und stehen jetzt auf dem Gipfel unserer Selbstverwirklichungspyramide und blicken hinunter ins Tal der arglosen Ahnungslosen. Wir haben uns soweit selbst optimiert, dass wir mit den Menschen, als die wir geboren sind, nur noch das Geburtsdatum und vielleicht den Namen gemeinsam haben. Wir hatten doch alle die gleichen Startmöglichkeiten, brüllen die Gipfelbezwinger herab. An der Spitze ist es eben eng und wenn man einmal oben ist, ergreift einen auch sofort die Abstiegsangst. Es ist gar nicht so einfach hier oben, bei all der Instabilität, rufen die mutigen Bergsteiger und manchmal werden sie sogar bedauert und viel zu selten angeschossen. Wir hatten ja schon seit über 70 Jahren keinen Krieg mehr, sagen dann alle und hoffen, dass es so bleibt. Dann gibt es eben welche oben und welche unten, hauptsache Frieden im Land. Aber täglich hört man es knistern, als verschöben sich Erdplatten. Kein Berg ist für die Ewigkeit, das wissen vor allem die, die auf dem Gipfel campieren.

Und in der Kleinfamilie hört man die laute Stimme des Vaters und er sagt: "Und bitte Leonie, benutze eine gewaltfreie Sprache. Sag nicht immer Ficken, Bitch, sag doch mal Chicken, please." Und dann sitzt die Familie beisammen in einem Fastfoodrestaurant und das Chicken fährt in einer Schachtel vor. Es hat sich etabliert, dass man Sparmenüs für Nahrung hält. Es ist paniert und zwischen zwei Weißbroten eingeklemmt. Hilflos liegt sie da, die schnelle Nahrung. Am Rande noch etwas Mayonaise, irgendwie ein wunderschönes französisches Wort. Auf Plastikstühlen hockt man, stopft und Leonie schweigt. Die Frage bleibt offen, ob Ficken, Bitch oder Chicken, please die brutalere Aussage ist.

Die Möglichkeit, niemanden zu hassen ist jeden Tag vorhanden. Die Menschen sind doch eigentlich ganz niedlich in ihrem Perfektionismusbemühen. Manche schaffen es gar, dass du dich in sie verliebst.

Und dann schlägt ein Edeka-Filialleiter einen Ladendieb tot

Und der Bus hat 7 Minuten Verspätung. Die alte Frau, die mit dir auf der Bank sitzt, meckert in einem fort. Mal mit sich selbst, mal mit dem nicht erscheinenden Bus, mal mit der Welt an sich, stellenweise auch mit dir. Sie versucht, dich in ein Gespräch zu verwickeln, du sollst, möglichst schnell und am besten arg extrem, eine Meinung vorweisen, die der ihren gleicht, nämlich: "Das geht doch nicht." Die Realität ist anderer Meinung und beweist uns, dass es geht. Kein Bus am Horizont und die Frau wird immer nervöser und stampft mit den Füßen auf und spuckt auf den Fahrplan, auf den sie alle 15 Sekunden schaut, als wäre dieser imstande, sich dadurch zu aktualisieren. Und sie spuckt und stampft und schimpft und spuckt und schimpft und stampft und stampft und schimpft und spuckt. Dann erscheint der Bus und sie lächelt und sagt in einer sanften Oma-hat-Apfelkuchen-für-alle-gebacken-Stimme: "Siehst du, man muss nur ordentlich schimpfen, dann funktioniert alles." Du trägst ihr eine Einkaufstüten in den Bus und wünscht ihr einen schönen Tag und schaffe Distanz zwischen ihr und dir, weil du sie in die Hölle, in der sie zuhause ist, nicht mitbegleiten möchtest.

Zu oft stellst du dir folgende 14 Fragen:

Was sollst du anziehen?
Was sollst du essen?
Wen sollst du treffen?
Wo sollst du hingehen?
Reicht deine Kompetenz aus?
Werden wir dumm und arm gehalten oder sind wir einfach freiwillig dumm und arm?
Wie entscheidest du dich richtig?
Was machst du eigentlich an Silvester?
Wieso macht dich das Internet manchmal nervös?
Ist das Internet selbst auch nervös?
Wie hältst du das nur alles aus?
Warum ist es so schwer, du zu sein unter all den anderen, die auch jeweils sie selbst sind und wo ist die Schnittmenge zwischen deren Ichs und deinem Du?
Wann ist es soweit, dass der erste Demonstrant auf einer deutschen Straße erschossen wird und es in öffentlichen Diskussionen nicht an systematischer Verrohung der Sitten, sondern aus der Freakhaftigkeit Einzelner abzuleiten sein wird?
Wer bist du, und wenn nein, warum kaufen die Leute diese beschissenen Popphilosophiebücher von Richard David Precht und nicht deine?
Wird es jemals eine Oasis Reunion geben und ist das wichtig für das Gleichgewicht im Universum?

Und dann schlägt ein Edeka-Filialleiter einen Ladendieb tot

Und du glaubst
Und du weißt
Und du verweist auf Fakten
Und du siehst den Beton, in dem wir wohnen und eingesperrt sind
Und du ziehst die Konsequenzen und verachtest die Bösen und unterstützt die Guten
Und du siehst dein eigenes wackeliges Weltbild, inklusive Selbstinszenierung, Selbstoptimierung bei gleichzeitiger Selbstzerstörung
Und manchmal überlebst du nur aus Gewohnheit
Und du siehst einen Mann mit Job und Verantwortung
Und du siehst einen Mann ohne Job mit Hunger
Und du siehst seine ungeschickten Handlungen, weil er noch ein paar Gefühle und Moralvorstellungen hat und die Konservendose nicht in die Jackeninnentasche passt
Und du siehst, wie der andere Mann mit dem Job ihn mitnimmt, doch anstatt die Polizei zu verständigen beginnt er damit ihn zu foltern und ihm Kopfverletzungen zuzufügen, die er schlußendlich nicht überleben wird

Und dann schlägt ein Edeka-Filialleiter einen Ladendieb tot

Dienstag, Juli 26, 2016

Vom Sterben

Was sollen wir denn mit den ganzen Informationen?
Wir werden dadurch nicht klüger, sondern nur nervöser.

Und am Ende eines Lebens liegt er da, wartet darauf, dass sein
Gehirn ausgeht, während seine Frau ihm letztmals mit dem
Phillipselektrorasierer grobe Behaarung aus dem Gesicht
knechtet

seine Lungen brodeln wie Teewasser

schön und glatt, wofür?
Atemzug, weshalb, warum?

Ja, für die anderen,
für die
immer
immer
immer

Kirchgang
saubere Einfahrt
Schützenfest
Einbauküche
Irgendwas aus Status
Liebe aus Gewohnheit

nächste Woche ist dann nur noch Biomatsch da,
eine Ansammlung nonfunktionaler Organe, die weder
gewaschen noch rasiert
werden müssen

sie gibt ein Heidengeld für einen Anzug und eine Holzkiste aus, die beide
in der theatralischen Langsamkeit seiner momentanen Atemzugsfrequenz unterirdisch verwelken werden

Warum?
Wie sieht das denn aus?

Am Ende Selbstverlust und sich nie gekannt haben

Sterben ist wie eine Beziehung mit sich selbst zu haben,
allerdings hat man weniger Versuche


Mittwoch, Juni 29, 2016

Halt mich (Mani)fest!

Ab und zu mal den Resetknopf drücken.
Das Frühwerk vernichten.
Versuchen, neu zu werden.
Immer scheitern.
Alte Namen vergessen.
Alle Namen vergessen.
Sich radikalisieren.
Sich entkalken.
Zum Frisör.


Ach und dann:
die Altlasten im See versenken.
eine sinnlose Schönheitsoperation.
Weiterhin schreiben.
Weiter hinschreiben.
die eigene Sinnlosigkeit erkennen.
darüber lachen.
In alten Tagebüchern lesen.
Sich auslachen.

Weiterhin nichts kalkulieren können.

Etwas beenden.
Etwas anfangen.

Die Stadt verlassen.
Unbedingt.
Zurückkommen.

Sich erhalten bleiben.
Sich erhalten.
Irgendwas erhalten.

Andere ausreden lassen.
Die eigenen Ausreden hassen.
Sich verlassen.
Sich verlassen.

Hallo!