Samstag, Juni 24, 2017

Ich130

Alles, wirklich alles, hat bekanntlich zwei Seiten, auch die Empathie. Es kann einfach sein, dass die Distanz weggeht, es kann aber auch sein, dass sie ewig so bleibt, wie sie jetzt gerade da ist und irgendjemand einfach demnächst seine Bettwäsche wechselt, die nach dir riecht. Das sollte mir egal sein, ist es aber nicht.

Alles, wirklich alles, sollte mir manchmal egal sein. Ich habe da dieses halbfertige Buch, das mich täglich auslacht, aber auch umso krasser bittet, es endlich fertig zu schreiben, um die nächste Idee zu verfolgen. Das kann mir nie egal sein. Ein paar gute Sätze tummeln sich mit ein paar halbguten und ich bin jeden Tag zu müde, um mich dem zu stellen, was da gemacht werden will. 

Alles, wirklich alles, besteht nur aus meiner beschissenen Wahrnehmung. Die Wahrheit ist nie die Wahrheit der anderen. Logik kommt mir zuweilen vor wie eine große Lüge, die ich anschreien möchte. Ich will jemanden besoffen umarmen, auch das ist eine Wahrheit, aber es ist 9:20 Uhr und ich liege im Bett, bin nüchtern und habe lange nicht mehr getanzt. 

Freitag, Juni 23, 2017

Ich129

Nichts darf egal werden, hab ich mal gesagt. Dann wurde alles zuviel, anschließend egal.

Donnerstag, Juni 22, 2017

Ich128

Hinter großen Sonnenbrillengläsern tut sich ein See auf, während ein Knabenchor zu Beethoven schreit. Dem Impuls unsichtbar zu werden nachzugeben versucht. Stehe da. Alleine. Knaben brüllen mehrstimmig. Wasser. Auge. Danke.

Mittwoch, Juni 21, 2017

Ich127

Der Exzess der Nichtigkeiten. Pump it up. Der Unterschied von jetzt zu Frieden ist immer jetzt.

Aber ich gebe auf, mich um das Unveränderbare zu kümmern. Wir sehen uns auf der Straße.

Dienstag, Juni 20, 2017

Ich126

Immer ist irgendwas los zwischen Hoffen und Warten. Hält das Leben spannend, sagst du. Is super interessant, wenn man nie konkret wird. Oder sich da positioniert, wo einem als Künstler am wenigsten passieren kann. Alle können immer kommen und interpretieren und so vergeht viel Zeit.

Ich125

Und nichts an dir ist mehr freundlich, zugewandt, interessiert und synchron. Du lebst dahin, wie etwas im Meer umhertreibendes. Du bist angespültes Strandschlecht. Deine Augen sind schon längst da, wo dein Herz hin will. Nicht bei mir. Mal nicht schwarz sagst du und ich lege den Filzstift weg, mit dem ich ein Organ von mir auf meine Handinnenfläche gemalt habe. Ich sitze da und schaue Wände und Wände schauen, dass sie bleiben und nicht mehr verschwinden. Wände haben Bock auf Wandsein. Ich dahinter, du davor und es kommt vor, dass uns der Comfort ausgeht. Die Bequemlichkeit, die ich nur zu gerne gegen deine Unbequemlichkeit eintauschen würde.

Montag, Juni 19, 2017

Ich124

Heute erscheint mein Buch.

Demnächst bin ich unterwegs damit. überall hier

Sonst war nichts.

Oder?

Doch, aber darüber erzähle ich ein anderes Mal.

Sonntag, Juni 18, 2017

Ich123

Getanzt. Lange. Wie ein Workout. Aber persönlicher. Arme irgendwo. Hände verdreht. Nie beide Beine auf dem Boden. Getränke. Zigaretten. Blicke. Ironiegestärkte Blicke. Da tanzt Verzweiflung im Wollpulli. Simuliert Wollpulliwolllust. Ich schaue. Sie schaut. Sie tanzt ironisch. Ich, weil ich ein Kind bin. 12 oder so. Hausaufgaben. Pet Shop Boys. Freibad. Walkman. Flapsigkeit. Sorgenlose Sommerferien. Sie kommt näher. Der Wollpulli legt eine Schulter frei. Ihr Blick ist böse. Nonverbal sage ich ihr, dass sie sich schleichen soll. Nonverbal schleicht sie sich. Ich rauche in das große Loch zwischen uns. Alles ist wunderbar. Ich weine. Niemand sieht es.

Heimweg. Ich singe im Kopf. Melodien für niemand. Ich schlafe wie ein Stein. Ich wache auf wie ein Ozean. Glücklich.

Samstag, Juni 17, 2017

Ich122

Ich hab mich in ein Café gesetzt. Er fragte mich: "Und du machst das ab und zu, dich in ein Café zu setzen, um zu schreiben?" "Selten" , hab ich gesagt, "nur wenn ich zuhause schon auf jedem Stuhl in jeder Ecke gesessen habe, dann vielleicht."

Ich bin keine meiner Romanfiguren, der Kaffee ist überall zu teuer, es ist überall zu laut und überall zu sein, ist auch viel zu anstrengend. Aber ich hab mich in ein Café gesetzt. Ein Typ fragt, was ich will. Ich bestelle Kaffee und eine Weißweinschorle.

"Deine Bücher sind ja total ausgedacht, ist das Leben denn so langweilig, dass du dir wieder und wieder neue Leben ausdenken musst, die auch nach gewisser Zeit an irgendwas zerbrechen oder sich langweilen?" Ich weiß keine Antwort.

Ich möchte mich nicht mehr über Literatur unterhalten.

Freitag, Juni 16, 2017

Ich121

Ich bin ruhig. Möchte auch keine Sätze mehr sagen, die einfach so da sind. Ich lese Bücher, in denen Sätze stehen, die nicht einfach nur so da sind, sondern die kein Gramm Pathos zu viel haben. Eigentlich überhaupt keinen Pathos. Nichts daran ist zu viel. Alles passt. Auf den Punkt genau. Wie eine 3 mm Frisur. Wie genau die 3 mm Frisur, die ich mir schon immer mal zulegen wollte, aber die mich aussehen lässt, wie einen Typen mit einer 3 mm Frisur, der nicht ganz bei sich ist, weil dessen Hinterkopf nicht ausgeprägt genug ist.

Mit sich hadern. Was unterscheidet mein Leben eigentlich von einer bloßen Existenz? Also von wem, der bloß ins Leben hinausgeschissen wurde, um zu sein. Pur, ohne alles. Nur das Leben. Atemzüge, Herzschläge und eine lose Abfolge der Dinge. Am besten ein paar Wiederholungen, damit es sich wie Kontrolle, die man glaubt zu haben, anfühlt.

Ich bin stark beeindruckt von Autorinnen und Autoren, die den Kern der Dinge berühren. Ich bin stark beeindruckt von Musikerinnen und Musikern, deren Melodien mir auch über 35 Jahre nach meiner Kindheit noch einfallen, obwohl ich sie seit über 30 Jahren nicht gehört habe. Ich bin stark beeindruckt vom Organisationstalent mancher Leute, die morgens aufstehen und sofort wissen, was sie als nächstes tun wollen. Ich versuche mich jeden Tag selbst zu beeindrucken. Manchmal gelingt mir das auch. Nie im Fitnessstudio, manchmal in der Küche, immer seltener im Text, manchmal in Sachen Mut.




Donnerstag, Juni 15, 2017

Ich120

Die Lage der Welt.

Alles wird gut werden.
Niemand weiß wann
und ob das stimmt.

Mittwoch, Juni 14, 2017

Ich119

Tote Männer singen für mich. Dieser Weg oder gar kein Weg. Ich habe keinen Tisch und stelle meine Kaffeetasse auf einen Bücherturm. Erschöpfe mich dann im Erschaffen. Darin liegt Hoffnung. Schreibe was. Lese es. Vernichte es. Schreibe es nochmal. Lasse es ruhen. Vernichte es morgen. Alles, was leicht aussieht, ist das Ergebnis harter Arbeit.

Dienstag, Juni 13, 2017

Ich118

Ich habe ein paar Probleme, die ohne Dich keine Probleme wären. Aber was sind schon Probleme? Meine Unausgeschlafenheit macht mich hässlich. Das Leben geht auch einfach so vorbei, man muss gar nicht so tief in die Probleme oder Menschen eindringen. Die Notwendigkeit besteht nicht. Ohnehin hat nichts Bestand. Jede Wichtigkeit ist nur persönlich.

Ich mache Dir Komplimente, während Deine Stimme immer leiser wird, bis sie irgendwann ganz verschwindet.

Montag, Juni 12, 2017

Ich117

Der Exzess der Nichtigkeiten.

Blumenvase
Mülleimer
Netflix
Literaturregal
Ein Dokument, das ich immer wieder öffne
Unbeantwortete Emails
Fragen
Boxerfilme mit Weisheiten, die so dumm sind, dass sie niemals ins reale Leben eingreifen
Kriegsfilme gegen Liebeskummer

Dummerweise ist das fast alles was ich habe

Sonntag, Juni 11, 2017

Ich116

Hat man irgendwann keinen tiefgehenden Erlebnishunger mehr? Ab wann ist die Zeit, wo man beige trägt und Schlager hört und Radler trinkt und lieber früher schlafen geht, um vom nächsten Tag was zu haben? Ist das hier so ein dummer Blogeintrag von einem Typen, der es sich anmaßt, andere zu beurteilen, am besten eine ganze Generation, weil er kein anderes Wort für "stagnierende Mehrheit" kennt?

Ich glaube, wir haben es gerade mit einer Generation zu tun, die sich dergestalt beige verhält, dass kaum mehr eine andere Farbe möglich ist. Aber sie versteckt es hinter Tattoos, Piercings und Klamotten, die aussehen wie die Klamotten ihrer Großeltern. Außerdem: Kaputte Hosen und immer ein gutes Gewissen. Das ist so beige, dass kaum mehr alle Farbschimmer zu erkennen sind.

Auch ich gehe schlafen, fresse keine Chemie und gehe sogar zum Sport, um nicht formlos fett meine Resttage zu bestreiten. Sofern das alles in meinem Engagement als Mensch stattfindet, so sage ich zu mir, ist das ja auch alles okay. Aber ich kann nicht leugnen, mit Gewaltphantasien durch die Stadt zu schlendern und diesen perfekten Biographien irgendetwas Schreckliches zustossen lassen zu wollen. Sie wackeln herum und tanzen und leeren ihre Sprechblasen über kulturellen Unfug aus.

Ich will aber jemand werden, den das nicht aufregt. Jemand, der smart und gelassen abhängt und sich denkt: Dann ist das eben so. Dann ist eben Kapitalismus mit all seinen Schrecklichkeiten als Nebenwirkung. Dann bin ich halt als weißer Mann ein zufällig Bevorteilter. Okay, okay, okay. Dann ist eben alles leise, still und harmlos und das bisschen Zensur werde ich auch noch überleben, hahaha. Ja, genau so jemand will ich werden. Aber ich kann nicht.

Samstag, Juni 10, 2017

Ich115

3 Gewalten

1. Komm, ich teil meine Gewalt mit Dir, Gewaltenteilung, hoho hihi, paffe Fresse, wie man sagt. Wir machen keine Regeln aus, Ich Täter, Du nicht und Nichts und Blutsee am Boden, Reste und Macht und trotzdem war der Schmerz ok und auszuhalten. Der Muskel und die Stimmung angespannt. Seitdem Demut (16)

2. Diese Leere fühlt sich zuweilen so an, als schlüge Dir jemand mit allen verfügbaren Werkzeugen auf alle Körperteile. Intensiv und ausdauernd. Bis der Schmerz ein Grundgefühl wird. Glücklich wird man damit selten, aber man versteht das Leben besser (0 - so lange wie es eben einfach dauert)

3. Aus einem unsichtbaren Winkel heraus schlägst Du mit Deinem toten Blick und Deinen herumwirbelnden Armen auf mein Gesicht. Ich schütze meinen Blick. Es gibt keinen Grund. Mein Handgelenk bricht nicht. Ich nur ein bisschen. Weitermachen. (41)

4. tbc (?)

Freitag, Juni 09, 2017

Ich114

Diese nachdenklichen Posen stehen mir nicht. Dieser negative Literaturhassmensch wurde irgendwann ein Literaturhausmensch. Kotzen eins. Ein Überfall. Heute ist alles anders. Die Gefühle, die Haltung, die Klamotten, alles differenzierter.

Jetzt verharre ich in meiner Küche in nachdenklichen Posen. Was genau hat sich seitdem geändert? Das Nudelwasser kocht. Ich kippe eine Tasse Reis rein und schon ändert sich alles.

Eloquenz hab ich noch immer nicht. Was ich tue, tue ich zeitweise ohne Plan. Ich glaube ich warte, warte und schreibe das große und kleine Neinmalmeins.

Du bist weggefahren. Du kommst wieder. Irgendwann. Ich esse Reis und warte.

Donnerstag, Juni 08, 2017

Ich113

Ich hatte mir immer vorgenommen, wenn ich ein Buch schreibe, dass das nächste Buch mindestens doppelt so gut sein soll. Einziger Bewertungsfaktor ist meine eigene Begeisterung für den eigenen Text. Mir ist das zweimal in meiner Laufbahn nicht gelungen, aber ich rede nicht über meine missratenen Kinder, ich lasse sie laufen und ihre Ausbildungen machen und in Euren Regalen glücklich werden.

Diesen Sommer veröffentliche ich zwei Bücher. Die ich beide liebe. Also mit so einer Tiefe, dass ich will, dass Ihr sie alle kauft. Die Welt wird dadurch ein bisschen passender.

Eins ist die JUBILÄUMSAUSGABE von ICH HAB DIE UNSCHULD KOTZEN SEHEN, in dem ich die Teile 1 bis 3 zusammengefasst habe. Alle 3 Bücher und zusätzlich ein paar Kommentare zu jedem Buch und sogar zu jedem einzelnen Text. Das erklärt nicht meine Kunst, aber gerade bei den alten Werken, zu denen ich mittlerweile eine erhebliche emotionale Distanz aufgebaut habe, kommentiert es doch recht trefflich. Ein Buch wie ein melancholischer Tanz mit wem, den man mal geliebt hat, der sich aber nicht weiterentwickelt hat und jetzt einfach immer wieder behauptet der Geilste zu sein, ohne wirklich das Gefühl zu haben, es zu sein. Zu jedem Text ein paar Worte, auch, vielleicht sogar gerade selbstkritisch. Mythos abbauen. Fertig.

Das andere ist ICH HAB DIE UNSCHULD KOTZEN SEHEN TEIL 4. Kompakt, zerbrechlich, brutal und noch ein paar andere Adjektive. Schnell geschrieben, kurz, voller Liebe. Das Klavier muss in den fünften Stock, enges Treppenhaus, zu Fuß. Schmerz.

Könnt Ihr was für mich tun? Bitte? Ja? Hier ist alles DIY, keine Werbebudgets usw. Wenn Ihr nicht wollt, dass nur Euch diese Bücher berühren, (wenn überhaupt noch irgendwas, irgendwen berührt) dann folgendes.

1. überall weiterempfehlen (Instagram, Twitter, Facebook, Arbeitsplatz ...)
2. schreibt Rezensionen (überall, sogar bei Amazon)
3. ne, irgendwie kein drittens, Ihr seid frei, macht was Ihr wollt, aber bitte, geht nicht dauernd zum Poetry Slam und behauptet, Euch sei Literatur passiert, legt Euch ein paar Stunden in vertraute Ecken, ganz ohne Event und lest Euch das Hirn bunt. Konsumiert es nicht einfach so weg, sondern bleibt liegen und lasst Euch Zeit. Kommt wegen Büchern zu spät zur Arbeit. Oder gar nicht.

Ich danke Euch sehr für Euren Beistand.

yours Lieblingsautor,

Dirk Bernemann, Juni 2017


Mittwoch, Juni 07, 2017

Ich112

23 Stunden wach. Nicht ein einziges verwertbares Wort. Nicht ein einziger guter Gedanke. Ich fühle mich wie ein vor wenigen Stunden ausgegossenes Aquarium. Kaum mehr Leben. Bisschen tot. Bunte Fischreste. Still. Bewegungslos. Ein paar Scherben.

Alles stimmt.

Dienstag, Juni 06, 2017

Ich111

Noch schnell zum Bäcker, Spinatbörek und dann aber los. Wohin weiß ich nicht. Ausflug ins Ungewisse. An den Wegesrändern niedliche Tier- und Pflanzenarten. Weit weg von all den Pizzahütten. Kein Mensch da draußen. Ein Vogel weint und die Fanfare in meinem Kopf befiehlt mir zu wandern. Ich laufe los. Dorf statt Stadt. Dann nicht mal mehr Dorf. Weiterlaufen. Nicht ankommen. Nie ankommen. Wald. Dornen. Egal. Weiter. Der Boden ist feucht. Ich leg mich rein in das Erlebnis, auch, wenn es nichts bedeutet.

Zurückkommen. Kein Anruf in Abwesenheit. Loneliness.

Montag, Juni 05, 2017

Ich110

Lachende Mütter pendeln terrorängstlich die Straßen hinab. Irgendjemand schreibt, alles sei normal. Alle lügen. Es ist Sommer. Am Glascontainer ist der Beat am besten. Die Essgestörte schreibt ein öffentliches Tagebuch auf der Bank im Park. Die meisten Sätze sind Sprengsätze. Oasis machen mich sentimental und die Frage, ob es sinnvoll ist, wenn Liam Gallagher bei einer Manchester Terrorgedenkfeier Oasis Lieder singt, verstehe ich nicht.

Eindrücke. Kontoauszüge. Angst. Alles geht weiter. Kommen und gehen. Ein bisschen Verweilen. Eine Tasse Wein. Zwei Trauben. Techno von weiß gekleideten Leuten. Noch mehr Blicke in die Tiefe. Ich klettere auf einen Turm und schaue mir die Stadt von oben an. "Bitte kontrollieren sie meine Tasche und die aller anderen auch", sagt sie am Einlass. Dann weint sie. Niemand tröstet sie.

Weitermachen. Deine Angst auf großen Plätzen ist zu klein, sagt er mir und ich gehe trotzdem weiter. Ohne Schuld und mit der Hingabe eines Ignoranten.

Sonntag, Juni 04, 2017

Ich109

Alleine in der U-Bahn. Das Mobiliar ist vollgekotzt. Ein paar Brocken Erinnerungen fehlen. Vielleicht warst Du das ja. Aber nein. Du bist doch sonderbarerweise auf dem Weg zur Arbeit.

Kürzlich hattest Du ein Vorstellungsgespräch, um Dein Leben zu verbessern. Man fand Dich komisch. Du selbst fühltest Dich eloquent. Diese Diskrepanz zu erklären wird egaler. Du schreibst gegen Deine Armut.  Begreifst das als Job und begreifst kaum, wie schön das ist, überhaupt Worte zu machen, die anderen was bedeuten.

Und manchmal hast Du helle Momente und kotzt in die U-Bahn.

Samstag, Juni 03, 2017

Ich108

Bill Murray singt im Radio. Es ist gut, aufgewacht zu sein. Rock am Ring wegen Terrorwarnung unterbrochen, sagt jemand anschließend. Ich bin verwirrt. Ereignisse und Überschlagungen. Check den Live Ticker einer Kriegserklärung, schreibt jemand. Irgendwo du auf einem Balkon, vertieft in angeregten Unterhaltungen. Irgendwo ich mit einer Dokumentation über Kapuzineräffchen. Ich versuche mich ein bisschen rauszuhalten und mich in das Sozialverhalten kleiner Affen zu vertiefen, die manche Dinge besser können als ich.

Die Zeit rollt einfach weiter, wie ein Felsbrocken einen Berg herab. Unten ein paar Leben. Zack. Drüber. Macht ja nichts. Kostet halt nur Leben. Ich mache alles aus. Schließe die Augen. Versuche mich nicht am Unrecht und an der Verwirrung und an den Spekulationen zu beteiligen, sondern nur ich für mich zu sein. Es gelingt mir und ich bin uninformiert und nicht schuld.

Man geht schnell im Gestrüpp verloren. Eine Kindheitserinnerung: Der Nachbarsjunge, der laut den Worten seines Vaters nur normal aussieht, wenn man ihn schlägt, schubst mich in die Brennesseln. Einfach so. Wortlos. Ich erinnere mich an die kleine Panik und den Schmerz überall. Das Aufstehen, das Weinen. Sein regungsloses Gesicht. Das Gefühl der Machtlosigkeit kam manchmal zurück. Das Gefühl des Schmerzes ebenso. Manchmal auch beides zu unguten Zeitpunkten.

Es gibt, wie so oft keine Pointe.

Freitag, Juni 02, 2017

Ich107

Frühstück und dann Gespräche über Verwesung. Und immer die Frage: Was drängt den Menschen zum Weitermachen, wenn doch eh das Ende kommt und jetzt schon um uns herumschleicht wie fette Katzen? Ich vermeide Tiefe in manchen Gedanken, weil ich weiß, da wird nichts sein, was den Standpunkt ändert. Am besten jetzt die Katze füttern, gute Momente haben und ein bisschen was bedauern, was man nie gemacht hat (Indien, Mutterschaft, Bankraub, Tauchen, Heroin) und sich jetzt zu alt dafür fühlen. Genervt davon sein, sich eingerichtet zu haben. Möbel umstellen, kurz lächeln, arbeiten gehen. Bald sterben. Lesen, erschöpft sein, Tage zählen, an Sommersprossen auf Schultern denken, Kaffee trinken. Ein Ende akzeptieren. Im Hochsommer an den Tod denken. Lachen.

Donnerstag, Juni 01, 2017

Ich106

Die Guten auf dem Weg zum Frühdienst, die Schlechten bei Markus Lanz auf dem Sessel.

Reden ins Nichts. Über nichts. Wann hört das auf?

Die Avocado zum Frühstück war die vernünftigste Entscheidung seit Langem. Sie blinkt kurz in Deinem Kopf auf. Mit der Frage beschäftigt sein, ob das so bleibt.

Deine Sprache hält daran fest, immer zu differenzieren. So tief, dass nichts mehr übrig bleibt. Das passt nicht ins Fernsehen.

Mittwoch, Mai 31, 2017

Ich105

Mach dich mal locker. Ich entledige mich jeder Anklage. Habe keine Feinde mehr. Die Flügelschläge eines Zufallsvogels flappen vorbei. Da ist kein Zorn und wenn ich Glück habe verwelkt die Liebe. Unter meinen Händen.

Freiheit. Klar. Das ist die Lösung aller Probleme. Wir vergeben und vergessen und verzeihen einfach alles. Gerichte lösen sich auf. Lass uns das alles locker sehen. So sind die Leute. Sitzen in rustikalen Wohnzimmern. Leicht abgedunkelt und zur Feier des Tages gibt es Toast Hawaii. Angebrannt. Trotzdem sagt einer: Das sieht jetzt aber gut aus.

Ich mach mich jetzt locker. Wenn ich den ultimativen Cremezustand erreicht habe, melde ich mich aus dem Exil.

Dienstag, Mai 30, 2017

Ich104

Du sagst so schöne Dinge, von denen ich nicht ein einziges in diesen Texten benutzen möchte, weil ich nicht will, dass Du Dich wiedererkennst, obwohl ich will, dass Du Dich wiedererkennst. Oben zucken Blitze. Ich finde Dich ziemlich durchschnittlich, weil ich nicht will, dass Du denkst, ich wäre ein Idiot, der Dich aus unbeschreiblichen Gründen gut findet. Lass uns lieber schweigend in den Himmel gucken. Du da. Ich hier. Es ist alles so unkompliziert. Denn oben zucken Blitze.

Montag, Mai 29, 2017

Ich103

Erfahrung. Die wenigsten Verabredungen kommen zustande, wenn einer sagt "Lass mal was ausmachen für die nächsten Tage, ich bin flexibel."

Sonntag, Mai 28, 2017

Ich102

Kommst du mit?, frag ich.
Nie so ganz, sagst du.
Immerhin, sag ich.

Hoffnung.

Samstag, Mai 27, 2017

Ich101

Frühstück draußen. Wespen im Saft. Leute gehen vorbei. Als wäre nichts. Weil nichts ist.

Gucken, laufen, weitergehen. Wer hat Angst vor seinem Kontostand? Ich habe keine Zeit, aber keine Angst vor Armut, sagst du und erklärst mir in uninteressanten Worten, was ein entspannter Markt ist.

Deine Karriere voller Schwere. Du lebst, wie du sagst, risikoarm. Und erklärst mir, dass dein Leben zwischen den Polen risikoarm und risikofrei passiert. Ich muss aufs Klo, höre aber weiter zu. Konzentriere mich auf den Schmerz. Das ist irgendwie schön.

Deine Tasche ist wunderschön, dein Atem kurz, dein Ziel ist eine Eigentumswohnung. Deine Freundin ist beim Badminton, wo denn meine sei. Ich lüge, dass sie schon zur Arbeit ist. Ihr Startup ist nämlich nicht einfach so gewachsen. 30 Mitarbeiter. Business. Ich erfinde eine mir nahe erfolgreiche Person und merke, wie sie mich langweilt während ich sie erfinde.

Alles gelogen. Das einzige was dramatisch echt ist, ist die Wespe im Saft im Todeskampf.

Freitag, Mai 26, 2017

Ich100

Ich hab kein Netz im Wald.
Ich hab kein Netz am See.
Ich hab kein Netz im Bus.
Ich hab kein Netz in der U-Bahn.
Ich
hab
kein
Netz
auf der öffentlichen
Toilette.
Auch nicht im Einkaufszentrum.
Kein Netz.
Keine Netzabdeckung.
Nichts.
Kein Netz
um Dir zu sagen
dass ich Dich mag.
Ich hoffe
Du spürst es
auch so.